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»Miranda, pack deine Sachen zusammen!«

El Topo saß auf seiner Pritsche, die nicht mehr lange seine bleiben würde. Er hatte auf diese ufforderung gewartet. Jede einzelne der eintausendvierhunderteinundsechzig Nächte, die er in diesem Trakt hatte verbringen müssen, hatte er davon geträumt. Jetzt kam es ihm unwirklich vor, dass der Moment gekommen sein sollte, und er hatte Angst. Im Knast wusste man, wann man auf der Hut zu sein hatte. Draußen hatte man keine Ahnung, von wo ein Angriff drohte oder welche Situation schlecht ausgehen würde. Det Zufall war der schlimmste Feind.

In diesem Trakt des Gefängnisses von Devoto herrschte eine Stimmung wie bei einer Totenwache. So war es immer, wenn ein beliebter Gefangener in die Freiheit entlassen wurde. Eigentlich ein freudiges Ereignis, das aber von diesseits des Gitters betrachtet nicht ganz so fröhlich war, wie man hätte denken mögen. Das Gefängnis förderte nämlich nicht nur die Kriminalität, es machte auch träge. Die tägliche Routine liefi die Reflexe verkümmern, vernebelte den Verstand, und zugleich gärte die Wut. Erfahrene Verbrecher wussten, dass es keine gute Idee war, gleich nach der Entlassung ein neues Ding zu drehen. Schon manch ein Ganove, der lange gesessen hatte, war kurz nach seiner Entlassung ums Leben gekommen.

El Topo war ein reicher Gefangener gewesen' von draußen zuverlässig versorgt mit Essen und Geld. Mit genug Scheinen konnte man im Knast alles bekommen,was man brauchte. Miranda wusste, wem gegenüber er sich großzügig zu erweisen hatte, wem er etwas von seinem Vermögen abgeben musste: nicht irgendwem, sondern dem Chef seines Traktes. Ihm überliefi er es, den Dank für die Zuwendungen einzustreichen, die er nach eigenem Gutdünken verteilte. Alle wussten, woher die Wohltaten stammten, die der Boss ihnen zukommen ließ, aber El Topo hätte sich nie als der Gönner aufgespielt. Diskretion war unter den Gefangenen eine Kardinaltugend. Im Knast galt El Topo als Respektsperson' Der Boss gewährte ihm Schutz und gestattete ihm einen persön lichen Burschen. Wer halbwegs intelligent war und reichlich Respekt zeigte, hatte im Gefängnis nicht allzu viel zubefürchten. Gefährlich wurde es nur bei einer Meuterei. Dann konnte alles Mögliche passieren, wenngleich die Wahrscheinlichkeit, bei einer Gefängnisrevolte zu sterben, immer noch nicht größer war als die, von einem Bus überfahren zu werden.

In wenigen Minuten musste auf dem Gang der Schrei ertönen: Miranda, pack deine Sachen zusammen! Dann könnte er endlich die vierhundeft Meter in Angriff nehmen, die ihn noch von der Freiheit trennten. Er würde aufstehen, seine Tasche nehmen, die längst gepackt war, und den Laufsteg zwischen den Bettreihen entlanggehen, ohne jemanden anzusehen, ohne mit jemandem zu reden. Alles, was er nicht mitnehmen wollte, hatte er bereits verteilt. Von allen, denen es Lebwohl zu sagen galt, hatte er sich schon vor Stunden verabschiedet. Danach hatte er sich behutsam in einen Geist verwandelt. Wenn jemand rauskam, wurde er zum Objekt des Neids, zur Inkarnation des Wunsches, die Tür nach draußen selbst zu durchschreiten. Deshalb wartete man mit der Verabschiedung nicht bis zum letztenAugenblick.

Im Bett nebenan lag Andrés, sein Bursche, und presste sein Gesicht in die Matratze, um das Weinen zu ersticken, das ihm die Kehle zuschnürte wie eine zu eng gebundene Krawatte. Andrés liebte El Topo, aber er litt nicht nur aus Liebe. Miranda war gut und großzügig zu ihm gewesen, hatte ihn immer fair behandelt ihn nie geschlagen oder anderen überlassen. Er war das Objekt der Begierde von vielen im Trakt, aber bisher hatte keiner es gewagt, zudringlich zu werden. Er stammte aus dem Norden, aus Corrientes, war blond und hatte grüne Augen. Wenn jemand einer Frau nahe kam, danner. Er gab sich wie eine Señorita, kochte wie eine Göttin und hatte den reizenden Akzent der Guarani-Indianer. Von sich selber sprach er immer nur als Frau. Im Knast saßer, seit er achtzehn war. Seine Mutter war gestorben, als er elf war, und seither hatte sich der Kerl, der behauptete, sein Vater zu sein, an ihm vergangen. Eines Nachts hatte Andrés ihm im Schlaf die Arme und Beine an die Pfosten des Bettes gefesselt und ihn geweckt. Dann hatte er ihm den Schwanz an der Wurzel abgeschnitten und sich hingesetzt, um dabei zuzusehen, wie er verblutete. Anschließend war er zur Polizei gegangen, um sich zu stellen. Vor Gericht hatte der Pflichtverteidiger nichts von seinen Pflichten wissen wollen und den Weg des geringsten Widerstands gewählt: Er hatte Andrés ein Geständnis unterschreiben lassen, das ein notorischer Schwulenhasser gieich in der Schreibstube des Kommissariats verfasst hatte. Er mochte sich nicht einmal die Mühe machen, gegen dasUrteil Berufung einzulegen. Also war Andrés des heimtückischen Mordes an einem Familienangehörigen für schuldig befunden und zu lebenslänglich verurteilt worden. Miranda hame Andrés einem gewissen Villar abgekauft und unauffällig dafür gesorgt, dass der Verkäufer bald in einen anderen Trakt vedegt wurde, für alle Fälle. Kurz darauf war Villar gestorben, angeblich hatte ihn ein Bauchspeicheldrüsenkrebs dahingerafft.

Andrés weinte still. Sobald El Topo durch diese Tür verschwand, würde der Kampf um ihn ausbrechen, das wusste er. Keiner der zwei oder drei Kandidaten, die in Frage kamen, konnte ihm recht sein. Die Zukunft war ein Jammertal. Miranda hatte versucht, ihn jemandem zuzuschanzen, der geeigneter war, aber der Boss hatte ihm geraten, sich nicht einzumischen, den Dingen ihren Lauf zu lassen. Einen guten Rat sollte man nicht in den Windschlagen, und außerdem ... Wer wollte sich schon kurz vor seiner Entlassung noch in Schwierigkeiten bringen?

In einem abgelegenen Teil des Hofes hatten sie einander Lebewohl gesagt. Dieses einzige Mal hatte Miranda ihm erlaubt, ihn auf die Lippen zu küssen - »aber nur kurz und ohne Zunge!« -, und Andrés hatte nur dieses einzige Mal zu ihm gesagt: »Ich liebe dich und ich werde dich schrecklich vermissen.«

»Sag nicht so was«, hatte Miranda erwidert und ihm den Kopf gestreichelt wie einem bockigen Kind. Dann war er gegangen, und Andrés hatte noch lange durch den Stacheldrahtzaun nach draußen gestarrt. Von hinten erkannte man an seiner ganzen Körperhaltung, wie sehr er schon im Voraus um ihn trauerte. Der Vorabend einer Hinrichtung war schlimmer als die Hinrichtung selbst, das Sterben schlimmer als der Tod.

»Miranda, pack deine Sachen zusammen!«

Er erhob sich. Mit königlicher Würde schritt er den Gang entlang, als wäre dies die natürlichste Sache der Welt. Der ganze Trakt erstarrte. Erst als sich das Gitter hinter ihm schloss, ertönte von irgendwo eine kräftige Stimme. Es war der Boss, der ihm warnend zurief:

»Ich will dich hier nie wieder sehen. Hast du gehört, Topo?«

Miranda wandte sich um, und obwohl er nicht an Gott glaubte, galt ihm sein trauriges Lächeln, mit dem er zu sagen schien: Das boffe icb, bei Gott.

Der Boss dachte, dass es ihm letztlich doch lieber wäre, El Topo landete wieder hier, als hören zu müssen, dass es ihn erwischt hätte, aber weil ihm dies wie eine böse Vorahnung erschien, verscheuchte er den Gedanken schnell wieder. Schicksal war Schicksal, und jeden ereilte das seine.

Draußen empfing Miranda ein böiger, kalter Wind. Keiner war da, um ihn abzuholen. Er hatte La Negra nicht gesagt, an welchem Tag er entlassen werden würde, obwohl sie ihn immer wieder gedrängt hatte. Auch seinem Anwalt hatte er verboten, es ihr zu sagen. Nur einen Besuch im Monat hatte er ihr gestattet und sich konsequent geweigert, sie häufiger zu sehen. Und sie war immer gekommen, ohne Ausnahme. Er hatte ihre Besuche genossen, aber wenn sie ging, hatte es ihm weh getan. La Negra sah gut aus, und sie war außerdem ein guter Mensch. Sie hatte jemand Besseren verdient als ihn, dachte Miranda.

Bevor er La Negra aufsuchte, wollte er zunächst drei Dinge klären: dass er sich kein Aids eingefangen hatte, dass er bei einer Frau noch seinen Mann stand und dass Susana keinen anderen hatte. Jeder einzelne dieser drei Punkte konnte jegliche Möglichkeit zunichte machen, sich das Leben so einzurichten, wie er es erträumt hatte. Aids wäre am schlimmsten, ließ sich aber auch am leichtesten überprüfen, sein Freund Dr. Gelser würde ihm schon helfen. Auch die Sache mit den Frauen hatte eine einfach Lösung: Sie hieß Lía. Während er im Taxi die Calle Bermüdez entlangfuhr, ging er seinen ängsten noch einmal auf den Grund. Andrés hatte ihm versichert, dass er gesund war, und wahrscheinlich stimmte das auch, denn im Gefängnis wurden die Aidskranken in einem gesonderten Trakt untergebracht. Andererseits konnte man nie wissen. Villars plötzlicher Tod hatte ihn misstrauisch gemacht. Wenn ich positiv bin, hat alles andere keinen Sinn mehr, dachte Miranda. Wlenn der Test negativ ausfiel, würde er mit Lía die Probe aufs Exempel machen. Er hatte Angst, dass Frauen ihn nicht mehr erregten. Anfangs war Andrés nur eine praktische Lösung gewesen, ein Mittel, um sich körperlich zu befriedigen, aber in letzter Zeit hatte er sich dabei ertappt, wie er nachts von ihm geträumt hatte, von seiner Zungenfertigkeit, von seinem Körper. Schlimmer noch, er hatte von seinen Augen geträumt, und das beunruhigte ihn am meisten. Wenn er den zweiten Test bestand, konnte er das Thema Negra angehen und feststellen, ob sie einen anderen hatte. Die Vorstellung machte ihn nicht wütend, er hätte Verständnis dafür, müsste dafür Verständnis haben, auch wenn es ihn dann vor Kummer zerreißen würde. Nur die Wahrheit wollte er wissen, es nicht von jemand anderem erfahren, sondern mit eigenen Augen sehen. Er würde sie einige Tage lang beobachten, unauffällig, wie nur er es vermochte. Nicht umsonst war sein Spitzname El Topo, der Maulwurf.

In seinem Viertel war er im Verstecken der Meister gewesen. Kein anderer Junge hatte ihn je finden können; es war, als hätte der Erdboden ihn verschluckt. Deshalb hatten sie ihn El Topo getauft. Seine natürliche Fähigkeit, mit der Umwelt zu verschmelzen, diese Chamäleonsgabe, mit der er zur Welt gekommen wat hatte er in seinem Erwachsenenleben zur Perfektion entwickelt. Mehr als einmal hatte sie ihn im Laufe seiner Verbrecherkarriere gerettet' wenn ihn die Polizei in die Enge getrieben hatte. Nicht viele Menschen wussten, dass das Verstecken eine Fähigkeit war, die man edernen konnte, die gewissen Regeln und Gesetzen gehorchte. Wenn man sich verstecken wollte, musste man zuerst überlegen, was der Verfolger suchte: einen Mann von der und der Größe, von dem und dem Gewicht, mit der und der Haarfarbe, dick oder dünn, Bart oder kein Bart, große Ohren oder kleine, schwer oder leicht. Die Augen eines Verfolgers wählten aus dem, was sie sahen, blitzschnell das aus, was seiner Vorstellung am ehesten entsprach.

Als sein Sohn noch klein war, hatte El Topo gern Tierreportagen mit ihm geschaut. Wissenschaftler hatten bei Fregattvögeln beobachtet, dass deren Brut, wenn die Mutter mit dem Futter angeflogen kam, automatisch den Schnabel öffnete. Offenbar erkannten die Jungen ihre Form und Farbe. Daraufhin führten die Forscher ein Experiment durch, um herauszufinden, worauf genau sie reagierten. Sie bastelten eine Puppe, die dem Vogel ähnlich sah, malten sie schwarz an und zeichneten ihr den für die erwachsenen Weibchen typischen roten Punkt auf die Brust. Venn sie sich damit den Jungen näherten, sperrten diese den Schnabel auf. Nach und nach vereinfachten die Forscher die Puppe, bis nur noch ein dreieckiges schwarzes Brett mit einem roten Fleck übrig war. Die Brut sperrte trotzdem weiter den Schnabel auf, sobald sie das Brett auf sich zukommen sah. Form und Farbe. Nichts anderes suchte man, verglich man, erkannte man wieder. Je intensiver oder dringlicher eine Suche war, je größer dre Anzahl der Personen, die man abgleichen musste, desto geringer die Menge der Details, die in Betracht gezogen wurden. Das Bild des Gesuchten reduzierte sich auf einige wenige hervorstechende Merkmale. Je eiliger und aufwendiger die Suche, desto detailärmer das Bild. El Topo hatte es immer gewusst, instinktiv. Im Laufe der Jahre hatte er dank seiner Beobachtungsgabe die Tarnung zu einer Kunst entwickelt. Er veränderte seine Kleidung, seine Gesten, seine Körperhaltung, und schon war er ein anderer Mensch. Wie ein Schauspieler, der sich von einer Minute auf die andere von einern Achtzehnjährigen in einen Siebzigjährigen verwandeln konnte. Miranda war ein König der Verkleidung. Die Natur hatte ein Übtiges getan: Er war durchschnittlich groß, durchschnittlich schwer, und sein Gesicht besaß keinerlei auffällige Zige; es war das reinste Allerweltsgesicht. Sein Haar war glatt und lie8 sich auf jede erdenkliche Art kämmen. Nur seine Augen waren etwas Besonderes - nicht wegen ihrer gewöhnlichen grauen Farbe, sondern wegen des Blicks: forschend, beweglich, selbstbewusst, intelligent und zupackend wie der eines Falken. Aber Augen konnte man leicht verbergen, hinter einer Brille, indem man woanders hinschaute, die Lider senkte oder, was nur wenige konnten, mit den Augen log.

Es dämmerte, als er in den Zug stieg, um zu seiner Unterkunft zufahren. Der Bahnhof quoll über von Menschen. Auf dem Bahnsteig rangelten die Passagiere stumm um einen Platz ander Kante und beteten, dass eine Tür in ihrer Nähe zum Stehen kommen möge. Langsam rollte der Zug ein, es ertönte ein Pfiff. Hin- und hergerissen zwischen dem tüíunsch, einen Sitzplatz zu ergattern, und der Furcht, auf die Gleise gestoßen zu werden, begannen die Leute nervös zu drängeln. Miranda stellte sich hinter sie, nicht zu dicht und nicht zu weit entfernt. Als der Zug noch nicht ganz stand, setzte der Spurt um die Sítzplätze ein. Wer nah an der Tür war, quetschte sich so schnell er konnte hinein. Von denen, die keine Tür in ihrer Nähe hatten, kletterten viele einfach durch ein offenes Fenster in den Zug.Die Leute in der zweiten Reihe drückten die in der ersten gegen die Waggons. Die dritte Reihe bestand aus älteren Menschen, Schwangeren, Müttern mit kleinen Kindern, Behinderten und Resignierten. Miranda ging zum Gepäckwagen und kletterte hinter einer Gruppe von jungen Punks hinein.